Du musst einfach nur loslassen.
Positive Affirmationen wiederholen.
Rausgehen. Sport machen.
So klingen viele Ratschläge rund um Mindset.
Ich verstehe, was damit gemeint ist und bin natürlich auch einverstanden. Gedanken haben Kraft. Sie gestalten, wie wir uns selbst und die Welt erleben. Ein positives Mindset kann hilfreich sein – besonders dann, wenn es nicht nur gedacht, sondern verkörpert ist.
Meine große Frage war jedoch immer: WIE…
Wenn es mir nicht gut geht, wenn ich körperlich und emotional erschöpft bin, sind diese Ideen zu groß. Wenn die Tatsache, dass ich heute Morgen aufgestanden bin, schon das Highlight des Tages ist, fühlt sich „Denk einfach positiv“ wie eine zusätzliche Last an.
Auch wenn es so nicht gemeint ist, kann die Botschaft innerlich so übersetzt werden: Du machst nicht genug. Wenn du genug machen würdest, würde es dir besser gehen. Daraus wächst leicht der Gedanke: Es liegt doch an mir.
Für Menschen mit Depression oder traumatischen Erfahrungen, deren System noch im Alarm ist, ist das verletzend. Viele fühlen sich ohnehin schon nicht genügend, haben ein schlechtes Gewissen, leiden unter dem Gefühl, nicht normal zu sein. Die Aufforderung, noch mehr an sich zu arbeiten, verstärkt Alarm oder Erstarrung.
In meiner Arbeit mit Menschen mit Depression und Trauma sehe ich genau diesen Mechanismus immer wieder.
Ich habe deshalb begonnen, anders zu fragen. Nicht: Was soll ich tun. Sondern: Was ist der nächste mögliche Schritt. Egal wie klein. Was ist heute für dich machbar?
Der Druck entsteht nicht durch den Wunsch, dass es besser wird. Der Druck entsteht durch das Gefühl, es schaffen zu müssen und es nicht zu können.
Wenn man länger unter einer Depression leidet, gehört es oft dazu, sich immer wieder am eigenen Schopf aus dem Morast zu ziehen. Das reicht meist nur zum Überleben. Man ist müde, müde, müde. Ein positives Mindset zu entwickeln wäre vielleicht hilfreich. In diesem Zustand fühlt es sich jedoch unmöglich an. Diese Unmöglichkeit führt zu Verzweiflung und Ohnmacht.
Das unausgesprochene Versprechen hinter Mindset
Wenn du dich genug anstrengst, dann schaffst du es.
Dieses Versprechen enthält mehr als eine Illusion von Kontrolle. Es vermittelt Selbstwirksamkeit. Das Gefühl, aus der Ohnmacht herauszukommen. Endlich kann ich etwas tun. Gerade wenn man aus einer Depression herauskommt oder eine traumatische Geschichte bewältigt hat, fühlt sich das großartig an. Es fühlt sich an wie Hoffnung, Möglichkeiten, Perspektiven. Endlich geht es nicht mehr nur ums Überleben, sondern ums Gestalten, wirklich Leben.
Du liest über gesunde Ernährung, Bewegung, frische Luft, Selbstliebe. Du lernst positive Affirmationen, Meditation und viele andere Dinge. Die Tragödie ist: Das alles stimmt. Das alles kann helfen.
Schwierig wird es, wenn du merkst: Ich weiß, was zu tun ist, aber ich kann es nicht tun. Das System hängt in alten Essgewohnheiten, Kompensationsmustern und inneren negativen Stimmen, die sich nicht einfach ablegen lassen. Der Versuch, noch mehr zu tun, noch mehr zu versuchen, wird dann selbst zur Belastung.
Wenn es nicht gelingt, verstärkt sich die alte Stimme, die sagt: Ich habe es doch gewusst. Du wirst es nie schaffen. Du bist nicht genug. Die Selbstabwertung wird lauter, nicht leiser.
Ich sehe eine Hürde darin, dass man zu neuen Ansätzen oft die alten Strategien mitbringt, weil man nichts anderes kennt. Ein systemischer Satz lautet: Manchmal wird der Lösungsversuch ein Teil des Problems.
Natürlich gibt es Menschen, denen diese Ansätze helfen. Bewegung hilft. Struktur hilft. Positive Gedanken können stabilisieren.
Was dabei oft übersehen wird: Aus einem hilfreichen Ansatz wird schnell eine allgemeine Lösung, die für alle gelten soll. Vor allem nicht für Systeme, die noch im Überlebensmodus arbeiten.Vor allem nicht für Systeme, die noch im Überlebensmodus arbeiten.
Ein weiterer Punkt ist, dass man vielleicht nie gelernt hat, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, weil man vom Körper und vom eigenen Erleben abgekoppelt war oder es noch ist. Dann fehlt oft die innere Stabilität oder die Kraft, das Gelernte überhaupt umzusetzen. Besonders bei Trauma ist das Nervensystem oft so durcheinander, dass eigene kreative Wege entstanden sind, um damit umzugehen. Dann lässt sich das Gelernte nicht so leicht anwenden. Es bleibt im Kopf, erreicht aber den Körper nicht. Übungen fühlen sich fremd an oder überfordernd. Was anderen hilft, fühlt sich für dich unerreichbar an.
„Ich will ja – aber es geht nicht“
Du willst ja. Das ist das Entscheidende. Der Wunsch nach Veränderung ist da. Der Wunsch, dass es dir besser geht, ist echt. Trotzdem gelingt es dir nicht, das umzusetzen, was du verstanden hast.
Hier liegt ein Unterschied, der oft übersehen wird: Nicht können ist etwas anderes als nicht wollen. Dein Wille ist da. Dein System ist jedoch häufig im Alarm. Oder es geht in Erstarrung und Rückzug. Gerade wenn das Nervensystem ohnehin überlastet ist, verstärkt Erstarrung schnell das alte Gefühl: Ich bin nicht genug. Alarm und Erstarrung entstehen nicht zufällig. Dein System hat gelernt, dich so zu schützen.
Dazu kommen die inneren Nicht-Erlaubnisse. Sätze wie: Ich habe es nicht verdient, dass es mir gut geht. Überleben ist okay. Mehr steht mir nicht zu. Diese Sätze sind alt. Sie haben sich tief eingeprägt und bestimmen oft noch, wie du fühlst und handelst, auch wenn es dir nicht bewusst ist.
Vielleicht fühlt es sich für dich an, als würdest du immer wieder versagen. Vielleicht siehst du nur, was nicht gelingt. Es gibt dich heute. Das hat dich etwas gekostet. Du hast dennoch Wege gefunden, durchzukommen. Und das zählt.
Es kann sein, dass du das nicht spürst. Dass diese Worte dich kaum erreichen. Auch dafür gibt es Gründe. Dieser Abschnitt soll dich daran erinnern, dass es so ist. Wenn du das hier liest, bist du nicht allein.
Etwas in dir hat dich bis hierher geführt: Deine Überlebensintelligenz.
Etwas, das stärker war als die Umstände.
Kämpfen war einmal der einzige Weg
Vielleicht ist es weniger ein Kämpfen als ein ständiges Bemühtsein. Endlich etwas tun können. Endlich nicht mehr hilflos sein. Eine Idee haben. Eine Lösung. Eine Möglichkeit.
Das Leben war anstrengend. Anstrengend, weil es oft darum ging zu überleben und dabei nicht ganz durchzudrehen. Das Gefühl war: Ich kämpfe gegen Umstände, die mich herunterziehen können. Dieser Kampf war der einzige Weg, leben zu können.
Damals ging es darum, überhaupt durchzukommen. Heute richtet sich dieser Kampf gegen etwas anderes. Gegen die eigene scheinbare Faulheit. Gegen die scheinbar fehlende Disziplin. Gegen alles, was dich davon abhält, dein Leben lebenswert zu machen.
Wenn du aufhörst zu kämpfen, fühlt es sich an, als würdest du aufgeben. Als würdest du dein SELBST aufgeben. Als wäre der ganze frühere Kampf umsonst gewesen. Dieser Gedanke ist schwer auszuhalten.
Gleichzeitig steckt darin eine Hoffnung. Die Hoffnung, dass wenn du alles richtig machst, das Leben leichter wird. Einfacher. Dass der Kampf irgendwann endet.
Der Boden der Tatsachen
Ich kenne das nicht nur aus meiner Arbeit.
Ich erzähle das aus meiner eigenen Erfahrung und aus der Begleitung von Klientinnen.
Es gab einen Punkt, an dem ich das Gefühl hatte: Wenn ich aufhöre, mich zu bemühen, muss ich sterben. Oder durchdrehen. Das Bemühen war das Einzige, was ich kannte. Aufhören kam nicht in Frage.
Ich war Dipali die Kriegerin. Die Starke. Die, die nicht aufgibt. Ich hatte doch alles bis hierhin geschafft. Also würde ich auch das schaffen.
Und es war nicht alles nur Kampf. Es gab Momente, in denen sich diese Kraft gut anfühlte. Klar. Entschlossen. Lebendig.
Mit der Zeit wurde ich immer erschöpfter. Müde vom Bemühen, vom Tun, vom Ausprobieren, vom Experimentieren. Ich war nicht halbherzig. Ich bin mit aller Kraft meines Seins hineingesprungen. In Gesprächstherapie, in somatische Arbeit. Ich habe verstanden, gespürt, gefühlt, geweint. Ich habe alles eingesetzt, was ich hatte.
Trotzdem hatte ich das Gefühl: Es ändert sich nicht.
Irgendwann kam ein nüchterner Satz: Ich kann nicht mehr.
Dieser Boden der vollkommenen Erschöpfung war ein Ende. Ein Ende von Dipali, die nie aufgeben konnte oder wollte. Es fühlte sich an wie das Ende von allem. Ich dachte nur: Okay. So sei es. Ich kann einfach nicht mehr.
War das ein Moment der Erleuchtung? Eine Gnade? Ich weiß es nicht. Es war auf jeden Fall ein Ende. Und dann dieses Klischee: Etwas muss zu Ende gehen, damit etwas Neues beginnen kann. Mein erster Gedanke war: Nee, oder? Als ob!
Erst dort wurde mir etwas klar. Resignation ist aufgeben. Was ich erlebt habe, war etwas anderes. Ich habe nicht aufgegeben. Ich habe aufgehört, mich gegen die Tatsachen zu stemmen.
Ich habe mir erlaubt, mich zu sehen, wie ich bin. Mit allem, was zu mir und meiner Geschichte gehört. Ohne Beschönigung. Ohne eine Lektion darin sehen zu müssen. Es war, als hätte ich eine Brille abgesetzt.
Ich stand da. Verwundet, verletzt und verletzlich. Stark und feinfühlig. Humorvoll und empathisch. Alles stand nebeneinander. Ich bin nicht genug und ich bin eine coole Socke. Crazy. Weird. Vielleicht nicht schön. Aber ganz.
Eine Bestandsaufnahme statt Selbstoptimierung
Das ist meine Geschichte. Was ist deine? Wo hast du dich wiedergefunden, wo bist du ganz eigene Wege gegangen?
Wenn du magst, kannst du für dich eine eigene Bestandsaufnahme machen. Einfach, um dich klarer zu sehen.
Was sind deine Lebenssätze?
Welche inneren Regeln begleiten dich seit Jahren?
Was hat dich diese Haltung gekostet?
Wie willst du auf dein Leben zurückblicken?
Und vielleicht noch wichtiger: Was ist heute wahr?
Welche Strategien haben dir geholfen zu überleben?
Welche davon tragen dich noch, welche erschöpfen dich?
Worum geht es wirklich? Es geht um einen klaren Blick. Um das Anerkennen dessen, was ist. Ohne Beschönigung. Ohne Druck, sofort etwas verändern zu müssen.


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