Wann ist es zu spät hinzuschauen?
Zu spät den Mund aufzumachen?
Wann verpassen wir die Möglichkeit, etwas zu verändern?
Mein Herz ist in den letzten Tagen schwer. Zugegeben, es hat mit mir zu tun. Es fühlt sich wieder an wie ein Punkt, an dem ich entscheiden muss – oder zumindest hinschauen. Um entscheiden zu können, brauche ich einen Schritt raus, in die Ebene der Beobachterin. Draufschauen statt drin zu schmoren.
Ich sehe mit Entsetzen, was gerade in den USA passiert. Es ist irgendwie wie ein Déjà-vu – falling down the rabbit hole in eine dystopische Welt. Surreal, denke ich. Es ist gar nicht wahr, denke ich. Kann es wahr sein, was jetzt passiert? Und in wie vielen Ländern der Welt das Resonanz findet. Dass es Menschen gibt, die das beobachten und denken: Ja, so ist es okay. So ist es richtig.
Wann ist es zu spät, das nicht mehr nur surreal zu nennen?
Krieg ist kein abstrakter Begriff
Als ich nach Deutschland kam – es ist lange her: am 21. März 1994 – wurden mir zwei Filme empfohlen: Im Westen nichts Neues und Die Comedian Harmonists. Ich habe so viel geweint, als ich diese beiden Filme sah. Erst dann wurde mir wirklich klar, dass Krieg nichts Abstraktes ist. Kein Ding. Kein Konzept.
Krieg ist Menschenleben. Menschen, die leben und lieben und tun, was sie können, in einer Welt, die oft anstrengend genug ist. Krieg ist ein Apparat, der Menschen frisst, bis nur Blut und Knochen bleiben.
Menschen. Du. Ich. Alle anderen auch.
Das Leben geht weiter
Heute, als mein Herz so schwer war, kam mir ein anderer Gedanke: wie einfach es ist, sich im Alltag zu verlieren. Der Alltag ist manchmal – oder oft – schwer. Rechnungen wollen bezahlt werden, Arbeit gemacht, Kinder versorgt. Und ja, man wird wohl doch lachen und sich freuen können. Klar.
Dieser Gedanke hat mich zurück zu meiner Eingangsfrage gebracht: Wann ist es zu spät? Wenn ich merke, dass es mich doch angeht. Dass es mich betrifft. Dass es meine Arbeit, meine Beziehungen, mein Leben beeinflusst und verändert.
Wie spät ist zu spät?
Ankommen, Anpassen, Verschwinden
Ich kam 1994 nach Deutschland, aus Indien. Von meiner – damals – acht Millionen Stadt, Chennai in ein kleines Dorf im Münsterland: Everswinkel. Nettes Dorf, nette Menschen. Sie haben mich ab und zu mit großen Augen angeschaut, waren größtenteils freundlich. Glaube ich zumindest.
Ich war so überfordert damit, mich in einem Land zurechtzufinden, das so anders war als meines, dass ich vieles gar nicht mitbekommen habe. Hooray für Dissoziation – kann ein Segen sein.
Ich habe Deutsch gelernt. Und Mülltrennung. (Das Klischee konnte ich mir nicht verkneifen.) Ich habe mich angezogen wie eine Deutsche. Mir wurde gesagt, wie ich mich anzuziehen habe, um nicht unangenehm aufzufallen. Die Sachen standen mir zwar nicht, aber ich war ein braves Mädchen. Ich habe mich angepasst. Und angepasst. Und angepasst. Irgendwann wusste ich nicht mehr, wer ich unter all den Schichten war.
Ich schweife nicht ab. Ich bezeuge. Ich beobachte dieses Land seit langer Zeit. Ich habe hier viel Schönes erlebt und viel Unschönes – aber darum geht es hier nicht. Das kommt vielleicht in einem eigenen Text.
Pegida, 2014
Was mir viel später auffiel – genauer gesagt ab 2014, als die ersten Pegida-Bewegungen anfingen – war Folgendes: Meine Anfangszeit in Deutschland war anstrengend und nicht immer gut, aber ich habe mich nie unsicher gefühlt. Das hat sich ab 2014 schleichend verändert. Gefühlt von einem Tag auf den anderen war die Welt anders.
Nein, niemand hat mich angegriffen. Niemand hat mich angepöbelt. Aber jedes Mal, wenn ich das Haus verließ, war ich mir meiner Hautfarbe bewusst wie nie zuvor.
Wann ist es zu spät, wenn Sicherheit leise verschwindet und niemand es laut benennt?
Atem holen
Durch viele Ausbildungen war ich lange nicht in Indien, fast fünf Jahre. Als ich wieder dort war, gab es diesen Huch-Moment: Ich gehe auf die Straße und bin wie alle anderen. Ich kann leichter atmen. Da habe ich es körperlich gespürt: In Deutschland ist mein Atem gehalten.
Das sind Feststellungen. Keine Entscheidungen. Kein Abwägen von Vor- und Nachteilen. Kein besser oder schlechter. Einfach nur: Puh. Das war mir so nicht klar.
Ich habe mein indisches Herz wiederentdeckt und sehr gefallen daran gefunden, wie ich in Indien sein kann. Welche Aspekte dort lebendiger sind als hier.
Frankfurt Hauptbahnhof
Und dann, vor ein paar Wochen: Frankfurt Hauptbahnhof. Ich war in einem indischen Laden – nur Inder und Asiat:innen, indische Musik aus den Lautsprechern, Einkaufswagen voll mit Gewürzen und Linsen und all den Dingen, die nach Zuhause riechen. Ich stand da und dachte: Ach. So fühlt sich das also an. Ich war eine von vielen. Nicht anders. Einfach da.
Später, auf dem Bahnsteig, sah ich Menschen mit Einkaufstüten vorbeigehen. Koriander guckte raus. Okra. Mangos. Ich musste lächeln.
Auch hier in Deutschland kann ich ab und zu Heimat schnuppern und mich freuen.
Unbehagen
Das ist wichtig, weil für mich die Pegida-Bewegung, das gesellschaftsfähiger Werden radikaler Sprache und meine Erfahrungen in Indien miteinander verwoben sind. Ich spüre ein wachsendes Unbehagen bei den Äußerungen der AfD, bei Friedrich Merz und seiner Stadtbild-Debatte und bei diesem aktuellen Wunsch nach einer ICE-ähnlichen Einheit in Deutschland. Puh.
Gleichzeitig habe ich einen Clip von Michi Mittermeier gesehen, in dem er sagt, man solle Trump einen Lutscher in den A&%/ stecken: er will ja auch nur ein Stück Eis. Ich fand das herrlich. Nicht wegen der Wortwahl – sondern weil es Widerstand war. Laut. Klar. Unverblümt. Ich hatte das Gefühl: Wenn es auch diese Sprache noch gibt, wenn Menschen sich trauen, deutlich zu sein, Grenzen zu ziehen, sich nicht mundtot machen zu lassen, dann bin ich hier vielleicht noch eine Weile sicher.
Meine 32 Jahre
Was mir wirklich weh tut: Ich lebe seit 32 Jahren hier. Ich habe mir ein Leben aufgebaut. Ich habe eine großartige Familie und einen Freundeskreis, bei dem ich zu hundert Prozent weiß, dass wir einander lieben und schützen würden. Ich habe wunderbare Yogateilnehmer:innen und Klient:innen, die ich durch schwere Phasen begleitet habe. Ich habe Liebe verschenkt. Und sie zurückbekommen.
Soll ich jetzt anfangen zu sagen, dass es in Deutschland irgendwie komisch wird?
„Wenn die AfD sagt ‚Wir sind das Volk‘, dann schaue ich mich um und denke: Nein. Das Volk – das sind die Menschen, die ich kenne und liebe. Die, mit denen ich verbunden bin. Du, die gerade über diesen Artikel gestolpert bist. Und all die anderen, die ich nicht kenne, aber die trotzdem da sind – die in ihrem Bereich tun, was sie können. Das sind die Menschen, die Deutschland für mich ausmachen.“
Mensch sein
Da bin ich wieder: Menschen. Wir sind nicht wir und die. Du Mensch. Ich Mensch. Wir lachen, weinen, schreien, arbeiten, feiern, streiten. Alles, was dazugehört.
Was wollen wir? Menschenwürdig leben und leben lassen. Einander unterstützen und stärken. Heute geht es mir gut. Morgen brauche ich vielleicht Hilfe. Das ist Leben. Das ist Menschsein.
Was die Politik in den USA gerade macht, überschreitet für mich genau diese Grenze: Menschen werden nicht mehr menschenwürdig behandelt.
Wann wird diese Grenze in Deutschland überschritten? Wann fangen wir an, in „gute“ und „schlechte“ Deutsche zu sortieren? Was wird das Kriterium sein? Wer hat das Recht, das zu entscheiden?
Bin ich eine gute Deutsche, weil ich Steuern zahle? Weil ich Deutsch spreche? Weil ich hier arbeite?
Das waren Menschen. Fangen wir schon an eine Liste von Namen zu machen?
Und nun?
Ich tue, was ich kann. Ich bleibe in Kontakt mit den Menschen um mich herum. Ich begleite, wo ich begleiten kann, und ich höre zu. Manchmal ist es nicht mehr als das: einer Person ein bisschen Raum lassen, ein kleines Licht nicht ausgehen lassen. So, wie andere mir immer wieder ein Licht gelassen haben.
Ich weiß nicht, ob es zu spät ist. Ich weiß nur, dass ich eine Stimme habe: Und ich werde sie nutzen.


Hey, liebe Dipali, deine Texte zu lesen ist unterhaltsam, rührend, anregend und bereichernd! Danke für deine Worte und dass du da bist! ❤️🥰
Danke meine liebe Katja. Schön dass ich dic in meinem Leben habe.
Hallo Dipali,
ich finde den Artikel toll, und mutig, und richtig.
Es wurde ja schon einigens geschrieben.
Und nein … Du bzw. ihr bist/seid nicht allein!!
Liebe Grüße
Michael
Hey Mic, ganz lieben dank.
Das berührt mich und macht mir klar, wie wichtig es war , ist und bleibt, meine Stimme zu erheben, mich nicht einschüchtern zu lassen und diese Haltung auch bei jeder Gelegenheit zu verbreiten.. Dankeschön für den Einblick in dein Erleben…
Herzliche Grüße von Christine
Ganz lieben dank Christine, freut mich so von dir zu hören.Es ist immer wieder das was wichtig ist: Jeder:r findet sein / ihr Weg sich zu beteiligen . Das wird immer immer wichtiger. Danke dir für deine Worte. Liebe Grüße Dipali
Gut gebrüllt Löwe…
Danke für die sehr bewegende Einblicke in dein Gefühlsleben und dein Mut deine Stimme zu erheben. Meinen größten Respekt.
Die Problematik ist weit größer und tiefer, aber egal wie, dazu zu schweigen ist fast noch schlimmer. Danke Dipali
Danke lieber Rüdiger, deien Worte machen Mut um dranzubleiben. Das sind meine ersten Experimente. Bin gespannt was sich wie entwickelt.
Das hast du ganz wunderbar geschrieben, liebe Dipali. Danke für deine Stimme und die Rührung, die du dadurch erzeugst.
Danke liebe Daniela.