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Selbstfürsorge: Mehr als nur ein weiterer „SOLL“-Punkt auf deiner Liste

von | Feb. 28, 2025 | Psychosomatik

„Du solltest mehr auf dich achten.“
„Du solltest dich gesünder ernähren.“
„Du solltest endlich mal Pause machen.“

Ein Begriff, der mir in der Therapie oft begegnet, ist Selbstfürsorge. Viele Menschen verwechseln Selbstfürsorge jedoch mit Selbstoptimierung. In der heutigen Zeit haben wir Zugang zu einer überwältigenden Menge an Informationen – von Selbsthilfebüchern bis hin zu Podcasts und Ratschlägen aus allen Ecken. Diese Quellen sind oft mit vielen „SOLLs“ vollgepackt: Du sollst dich gut ernähren, du sollst dich bewegen, du sollst eine gute Work-Life-Balance haben, du sollst auf dich achten und deine Grenzen respektieren. Klingt erstmal alles richtig und sinnvoll, oder?

Doch was passiert, wenn all diese gut gemeinten Ratschläge sich nicht wie Unterstützung, sondern wie zusätzlicher Druck anfühlen?



Das Problem mit den „SOLLs“

Was jedoch häufig fehlt, ist das „WIE?“. Für Menschen in schwierigen Lebensphasen, die mit alten Traumata kämpfen oder einfach erschöpft sind, können gut gemeinte Ratschläge schnell überfordern. Sie wissen, was sie „sollten“, haben aber keine Vorstellung davon, wie sie das umsetzen können. Wenn es dann nicht klappt, geben sie sich selbst die Schuld. Dieser innere Vorwurf verstärkt ihre Überforderung und verschlechtert ihr Wohlbefinden weiter.

Selbstfürsorge ist mehr als ein „SOLL“ – sie ist ein Moment der Akzeptanz.

Selbstoptimierung folgt meist einem Leistungsprinzip: „Wie kann ich besser funktionieren?“
Selbstfürsorge hingegen folgt einem Beziehungsprinzip: „Was brauche ich gerade wirklich?“

Der Unterschied liegt nicht im Verhalten – sondern in der inneren Haltung.

Echte Selbstfürsorge verstehen

In meiner Arbeit begegne ich immer wieder einem Missverständnis: Viele glauben, Selbstfürsorge sei etwas, das man „richtig“ machen muss. Dabei geht es um etwas ganz anderes.

Ich sehe es immer wieder bei meinen Klient*innen: Sie hoffen, dass „wenn ich nur etwas Gutes für mich tue, es mir besser gehen wird“. Aber was passiert, wenn du eigentlich Ruhe brauchst, trotzdem aber joggen gehst, weil Sport angeblich gut gegen Stress ist? Du fühlst dich danach vielleicht sogar schlechter. Oder du ruhst dich aus, fühlst dich aber schuldig, weil Sport doch besser gewesen wäre. So bleibst du oft in einer Spirale aus Zweifeln und innerem Druck gefangen.

Selbstfürsorge bedeutet nicht, das „Richtige“ zu tun – sondern das Stimmige.



Der erste Schritt: Selbstwahrnehmung üben

Der erste Schritt ist oft ungewohnt: sich selbst wieder zu spüren.

Viele meiner Klient*innen erkennen schmerzlich, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse kaum noch wahrnehmen können. Zwischen dem, was sie brauchen, und dem, was sie tun, entsteht eine Lücke. Diese innere Distanz erzeugt ein ständiges Unbehagen.

Echte Selbstfürsorge beginnt nicht mit einer Handlung, sondern mit einem Innehalten. Mit der Bereitschaft, ehrlich hinzuschauen:

Was ist gerade da?
Was fehlt mir?
Was ist zu viel?

Echte Selbstfürsorge beginnt nicht mit einer Handlung, sondern mit einem Innehalten.

Bevor wir etwas verändern, müssen wir überhaupt erst bemerken, was gerade ist.

Die Spirale der Überforderung

Oft steckt hinter gut gemeinter Selbstfürsorge die Hoffnung: „Wenn ich nur irgendetwas Gutes für mich tue, wird es mir besser gehen.“ Doch was passiert, wenn du eigentlich Ruhe brauchst und stattdessen joggen gehst, weil Sport angeblich gegen Stress hilft? Vielleicht fühlst du dich danach sogar erschöpfter. Oder du entscheidest dich, dich auszuruhen und spürst sofort ein schlechtes Gewissen, weil Bewegung doch die „bessere“ Wahl gewesen wäre. So entsteht eine Spirale aus Zweifeln und innerem Druck.

Nicht die Handlung ist das Problem, sondern der fehlende Kontakt zu dem, was du in diesem Moment wirklich brauchst.

Wie findest du den Weg zurück zu dir?

Ich empfehle dir eine einfache Übung mit drei Fragen für deinen Alltag:
Wie geht es mir – auf körperlicher Ebene?
Wie geht es mir – auf emotionaler Ebene?
In welcher Zeit bin ich gerade – im Hier und Jetzt, in der Vergangenheit oder in der Zukunft?

Diese Fragen können ein erster Einstieg in die Selbstfürsorge sein. Doch oft fällt es schwer, präzise Antworten zu finden. Wir denken gewöhnlich in allgemeinen Aussagen wie „Mir geht’s irgendwie nicht gut“, anstatt genauer hinzuschauen.

Zum Beispiel:
„Ich habe schlecht geschlafen und bin müde.“
„Ich habe etwas gegessen, das mir nicht bekommt.“
„Ich habe schlechte Nachrichten bekommen und bin traurig.“

All diese Situationen können sich zunächst wie „Mir geht’s nicht gut“ anfühlen. Doch dieser Satz bleibt vage. Er beschreibt einen Zustand, gibt aber keine Richtung vor – und genau das kann handlungsunfähig machen.

Wenn ein Gefühl diffus bleibt, bleibt auch die innere Anspannung oft bestehen.
In dem Moment, in dem du benennst, was wirklich da ist, sortiert sich etwas. Aus Unklarheit wird Orientierung. Und Orientierung schafft Handlungsspielraum.

Je genauer du deine Empfindungen benennst, desto gezielter kannst du darauf reagieren.



Selbstfürsorge braucht Geduld

Wenn dir klare Antworten schwerfallen, ist das völlig in Ordnung. Nimm es einfach wahr, ohne Druck. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht. Wiederhole die Übung am nächsten Tag und danach wieder. So signalisierst du dir selbst, dass du bereit bist, aufmerksam zu sein und deine Bedürfnisse zu spüren. Du gibst dir die Erlaubnis, neugierig zu bleiben und wartest, bis die Antworten kommen.

Das Entscheidende dabei: Verurteile dich nicht. Sei milde mit dir selbst, wenn es schwerfällt. Genau das ist Selbstfürsorge – sich nicht zu etwas zwingen, sondern sich auf dieses innere Abenteuer einlassen. Es geht darum, sich immer wieder zu korrigieren und zu verfeinern, ohne in den Optimierungsdrang zu verfallen. Mit der Zeit wirst du lernen, deine Bedürfnisse klarer zu spüren und auf eine Weise für dich zu sorgen, die sich wirklich richtig anfühlt.

Selbstfürsorge ist kein Projekt, das dich verbessert.
Sie ist ein Prozess, der dich dir selbst näherbringt.

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