Mein Motto 2026: Integrieren statt loslassen
„Loslassen“ ist ein Wort, das wir gut kennen.
Wir haben gelernt, dass es der Schlüssel sein soll, um weiterzukommen, leichter zu werden, freier zu leben.
Vergangenheit loslassen.
Muster loslassen.
Schmerz loslassen.
Und vieles daran ist richtig.
Und doch gibt es Dinge, die sich nicht einfach ablegen lassen.
Sie sträuben sich.
Sie halten fest.
Vielleicht geht es nicht mehr nur darum, loszulassen.
Sondern darum, bewusst zu integrieren.
Meine persönliche Erfahrung: Warum „Loslassen“ nicht funktioniert hat
„Ich lasse los.
Ich lasse die Vergangenheit los.
Ich lasse alte Muster los.
Ich lasse Glaubenssätze los.“
Und ja, ich verstehe es. Ich finde es richtig und wichtig, Ballast abzugeben, Dinge hinter sich zu lassen. Ich kann doch nicht die Schwere meiner Vergangenheit immer mit mir herumtragen. So komme ich doch nie weiter, so schaffe ich es doch nie, nach vorne zu schauen. Ich habe es verstanden. Ich habe es gewollt. Ich habe es versucht.
Es ist mir nicht gelungen.
Das ist vielleicht das Perfide an Traumaheilung: Ich und viele, die ich begleitet habe, sind Menschen, die nicht aufgegeben haben. Die drangeblieben sind. Die mutig ihre Abgründe angeschaut haben. Sie haben geschrien vor Schmerz und gebrüllt vor Wut und so viel geweint, dass eigentlich die Meere hätten überlaufen müssen.
Dann steht man da, die Biografie angeschaut, eingeordnet, Emotionen erlaubt. Und dann ist da dieser Wunsch, dass es jetzt leichter wird, einfacher, dass man die Schwere dieser Arbeit loslassen kann. Und ja: Die Abstände werden größer, die Länge der Zyklen wird kürzer, sie werden weniger eingreifend und weniger existenziell. Leider dauert das am längsten.
Aber das erwünschte und auch erwartete leichte Lebensgefühl, das Gefühl, dass das Leben nicht nur ein Kampf ist, den man jeden Tag aufs Neue bestehen muss, tritt nicht ein. Oder besser gesagt: Es ist nicht nachhaltig. Genau hier wird es perfide.
Man fängt an, an sich zu zweifeln. Denn Zweifeln ist ja schon die Superpower, das haben wir sehr gut gelernt. Und woran man zweifelt, ist man selbst.
Ich habe nicht genug an mir gearbeitet, ich habe nicht alles gegeben,
Ich habe nicht das Richtige gefunden.
Dahinter die Angst: Ich mache mir doch etwas vor.
Ich habe es doch gewusst. Ich bin nicht okay.
War doch klar, mit mir stimmt etwas nicht.
Es gibt ein Lied von India Arie, das ich sehr liebe: I Am Light. Darin singt sie:
I am not the things my family did.
I am not the voices in my head.
I am not the pieces of the brokenness inside.
Ich habe mich lange daran festgehalten. Es war lange mein Sehnsuchts- und Hoffnungslied. Ich habe weitergemacht. Ich hatte viele starke Momente.
Und dennoch. Dieses hässliche Dennoch.
Das Grundlebensgefühl blieb die Schwere.
Warum es so schwer ist, loszulassen
Dann kam eine Zeit, in der ich mich komplett zurückgezogen habe. Ich wollte nicht mit meinen Liebsten reden, nicht mit meiner Therapeutin, nicht mit meiner besten Freundin. Alle machten sich natürlich Sorgen.
Aber ich hatte das Gefühl, ich muss dieses Geheimnis, dieses Rätsel, was auch immer es war, selbst lösen. Ich muss meine Wahrheit finden, ohne Einflüsse von außen, selbst wenn sie liebevoll und fürsorglich waren. Das klingt vielleicht groß. Aber das waren die Worte, die aufgetaucht sind.
Der Kopf hatte es doch verstanden. Das Alte ist nicht nur nicht mehr dienlich, es ist toxisch. Es hindert auf mannigfache Weise, nach vorne zu schauen und nach vorne zu gehen.
Deshalb ist es nicht die Frage, warum es schwer ist, loszulassen, sondern: Was ist die Angst davor, was passiert, wenn ich loslasse? Damit hatte ich einen Hauch einer Idee. Und wenn ich mir große Worte erlaube: Es war ein Hauch von Erkenntnis. Vielleicht sogar Erleuchtung. So hat es sich angefühlt.
Zum ersten Mal eine Bewegung, die in mir geboren war. Wenn ich das Alte loslasse, lasse ich es endgültig los. Und was ist dieses „Es“, das Angst macht und so schmerzt bei dem Gedanken loszulassen?
Es ist das alte Ich, das Kind, das immer noch hofft, dass es geliebt wird. Loslassen heißt, diese Hoffnung loszulassen. Die Hoffnung, dass jemand kommt und tröstet, lobt und sagt: Hey, du hast es geschafft. Du bist toll. Diese Hoffnung loszulassen heißt, endgültig erwachsen zu werden.
Es gibt keinen Retter.
Und du denkst jetzt vielleicht: Das habe ich doch die ganze Zeit gewusst. Natürlich weißt du es. Aber es zu spüren, ist eine ganz andere Hausnummer. Für mich hat es sich angefühlt, als würde ich am lebendigen Leib enthäutet. Das englische Wort wäre „excruciating pain.“ Ich habe nichts auf Deutsch gefunden, was für mich passend klingt.
Also:
Lasse ich Hoffnung los. Wenn es um Kindheitstraumata geht, lasse ich Zugehörigkeit los. Wenn du dir den Liedtext noch einmal anschaust: I am not the things my family did. Ganz sicher nicht. Besonders dann nicht, wenn es mir angetan wurde. Mit diesem loslassen lasse ich die Familie los…. Der Kopf sagt: Ja klar, toxisch, lass sie gehen. Familie loszulassen heißt, die Zugehörigkeit zum Clan, zu den Ahnen loszulassen. Übrigens: Das stimmt nicht.
Aber so fühlt es sich an. Und da bist du ganz enthäutet.
Verletzlich. Nackt.
Denn die neue Haut braucht Zeit, um zu wachsen. Und noch mehr Zeit, um sich dir anzupassen.
Identität loslassen und die neue Integration
Und so komme ich zum Dritten, was loszulassen ist: Identität. Ich gehöre nicht nur nicht mehr zu meinem Clan. Ich weiß auch nicht, wer ich bin, wenn ich die alte Haut loslasse.
Ich bin doch die, die gekämpft hat, die nicht aufgegeben hat, die funktioniert hat, die eine starke Außenpersona entwickelt hat. Ich werde wahrgenommen als strahlend und liebevoll und noch so vieles mehr.
Und dann fängt das Zweifeln an.
War dieser strahlende Teil überhaupt echt? War es nur eine Maske? Nein. Es war keine Maske. Das ist auch echt.
Aber was, wenn es doch nur eine Maske war?
Und wenn ich mich so zeige, was passiert dann im Außen?
Das hier sind geschriebene Worte. Sie sind nicht einmal neu. Aber wenn du spürst, was sie bedeuten, dann spürst du auch, was du durchmachst und wie anstrengend es ist. Und bitte, bitte sei milde mit dir. Du bewerkstelligst etwas Großes.
Du erinnerst dich an diesen Hauch eines Impulses? Ich bleibe bei India Arie und habe es für mich umgetextet in:
I am the brokenness inside.
Es gibt Teile in mir, die irreparabel zerschmettert sind. Und ich habe versucht, diese zerschmetterten Teile mit den Fingern aufzusammeln. Ich habe immer wieder geblutet. Und es hat nichts gebracht.
Meine große Erkenntnis war: Ich kann nicht reparieren, was so fragmentiert ist. Ich kann es höchstens aufsammeln und sehr sorgfältig, sehr fürsorglich einen Ehrenplatz geben und mich dem immer wieder widmen. Und dann fängt es langsam an, zusammenzuwachsen. Es wird nicht mehr sein wie vorher. Es wird viele große und kleine Narben geben. Und das bin ich auch. Zu mir gehören alle meine Anteile.
Erinnerst du dich an die Strahlende? Die ist genauso echt wie die Fragmentierte
Es ist kein Entweder oder mehr. Es ist ein Sowohl als auch.
Was das für meine Arbeit bedeutet ?
In meiner Arbeit bin ich durch unerforschtes Terrain gegangen. Und jetzt, wo ich auf der anderen Seite bin, habe ich eine große, helle Fackel. Ich wünsche mir, dass all jene, die vielleicht noch im Dschungel Kreise drehen, dieses Licht sehen und zumindest wissen, dass es eine andere Seite gibt. Das sie das Gefühl bekommen das es ist nicht mehr ganz unerforscht ist.
Ich habe hier und da Marker hinterlassen. Und ich hoffe, dass du, wenn du ganz verzweifelt bist, einen dieser Marker findest, dass es dich tröstet zu wissen, dass du nicht ganz allein bist, und dass es dir Hoffnung gibt, dass der Weg nicht völlig unbekannt ist.
Ich will Hoffnung neu definieren. Weg von einem ohnmächtigen Hilfeschrei, hin zu einem sehr greifbaren Vertrauen in sich selbst und in das Leben.
Ich verabschiede mich von Sätzen wie: „Du bist okay.“ „Du bist gut genug.“ Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich nicht okay. Vielleicht bin ich nicht gut genug. Aber ich tue, was ich kann. Mehr muss ich von mir nicht erwarten.
Und ein kleiner Ausflug zum Schluss:
Wer darf dir überhaupt sagen, ob du genug bist oder nicht?
Spoiler: Niemand.
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