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Meinungsfreiheit – selbstverständlich, oder?

von | Jan. 30, 2026 | Persönliches

Gestern habe ich einen Artikel veröffentlicht. Über meine 32 Jahre in Deutschland, über Zugehörigkeit, über die Frage: Wann ist es zu spät?

Ich saß in meiner Lieblingsarbeitsposition, kreuzbeinig auf dem Sofa, habe den Artikel zweimal durchgelesen und dachte: Cool, das habe ich gut gemacht. Dann habe ich meinen Laptop zugeklappt und überlegt: Will ich das wirklich veröffentlichen? Vielleicht ja. Aber traue ich mich auch, publik zu machen, dass ich es geschrieben habe?

Ich hatte Herzrasen. Ein flaues Gefühl im Magen. Und gleichzeitig war ich fest entschlossen.

Ich habe geklickt. Und sofort den Link im WhatsApp Status geteilt.

Was mir durch den Kopf ging: Es ist mir wichtig, mich zu zeigen und zu zeigen, wofür ich stehe.

Ich habe noch nie Hasskommentare bekommen. Mein rationaler Teil war klar: Es ist okay. Wer etwas beleuchtet, nach eigener Meinung und Erfahrung, kann auch Gegenwind erwarten. Und je nachdem, wie die Kommentare sind, würde ich überlegen oder mir Hilfe holen, wie ich reagieren möchte.

Aber der emotionale Teil?

Der hat gespürt, was im politischen Klima fühlbar ist. Dass ich nicht nur Hasskommentare bekommen könnte, sondern dass es mir physisch gefährlich werden könnte. Dass es mir vielleicht gar nicht erlaubt wird, meine Meinung zu sagen.

Verstand und Gefühl stehen nebeneinander. Rational sollte alles okay sein. Emotional ist da diese Möglichkeit: Es könnte nicht okay sein. Und das ist neu. Das ist anders geworden.

 

Es war diese Zerrissenheit zwischen den zwei Teilen.

 

Ich habe  mir Sätze vorgestellt wie: „Wer bist du, die wagt, etwas zu schreiben?“ Blöde Ausländerin. Oder noch stärkere Schimpfwörter. „Ist doch klar, dass die Ausländer nichts verstehen. Alles verdrehen.“

Meinungsfreiheit – für wen?

Ich weiß, dass ich hier in Deutschland Meinungsfreiheit habe. Theoretisch.

Aber praktisch hatte ich Angst. Und das sagt etwas aus über die Gesellschaft, in der wir leben. Im Mindestfall ist es ein Weckruf. Für mich ist es, als ob Hass und ausschließendes Gedankengut gesellschaftsfähig geworden sind. Die Menschen, die laut schreien, dass es hier keine Meinungsfreiheit gibt, schreien es die ganze Zeit – ohne Angst vor Repressalien.

 

Gefühlt kann jeder aufstehen und so etwas sagen:

 

„Vermisst seit 1945 (…) Adolf, bitte melde dich! Deutschland braucht dich! Das deutsche Volk.“  Elena Roon, AfD-Mitglied des Bayerischen Landtags, teilte im Jahr 2017 in einer Chatgruppe ein Bild von Hitler, auf dem dieser Schriftzug zu lesen war.

 

„Die Pläne für einen Massenaustausch der Bevölkerung sind längst geschrieben.“  Beatrix von Storch, stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, 2016 auf Twitter.

 

„Wer Homosexualität offen auslebt, dem droht dafür [in Marokko, Tunesien und Algerien] eine Gefängnisstrafe.“ – „Das sollten wir in Deutschland auch machen!“  Zwischenruf von Andreas Gehlmann, AfD-MdL in Sachsen-Anhalt, bei einer Landtagsrede von Henriette Quade (Die Linke) im Jahr 2016.

 

Und ich? Ich habe wirklich versucht, mich klar und differenziert auszudrücken. Ich habe auf meine Wortwahl geachtet und mir genau überlegt, was ich ausdrücken will. Was wahrscheinlich zeigt, dass mein Deutsch sowieso besser ist als das der Schreihälse. Und ich habe aus eigener Beobachtung und Erfahrung gesprochen.

 

Und ich hatte Angst, meinen Artikel zu veröffentlichen.

 Ich bin nicht alleine

Ich gehe davon aus, dass Menschen mit Migrationshintergrund Angst haben. Aber auch Menschen mit Behinderungen, Menschen aus der LGBTQ-Community. Ist das nicht schon eine Wiederholung von 1933?

Alok Vaid Menon zum Beispiel. Poet, Comedian, Aktivist aus den USA. Alok ist indisch-amerikanisch, nichtbinär, trägt extravagante Kleider und Makeup – und tritt in Interviews auf mit einer Selbstverständlichkeit, die mich berührt. Frei. Freundlich. Ganz dey selbst.

Alok hat einmal gefragt: „What part of you did you have to destroy in order to survive in this world?“ – Welchen Teil von dir musstest du zerstören, um in dieser Welt zu überleben?

Das trifft nicht nur Menschen, die aus der Norm fallen. Das trifft uns alle.

Seitdem hinterfrage ich öfter: Wo enge ich mich selbst noch ein? In dem, was ich sage? In dem, was ich anziehe? In dem, was ich mir erlaube zu sein?

Alok hat mir nicht konkret gesagt, was ich tun soll. Aber dey hat mir gezeigt: Es ist möglich. Und das macht meine Gedanken freier.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir uns zeigen. Dass wir sichtbar sind. Denn:

Die Demokratie ist gefährdet. Das kann ich gar nicht anders sagen.

Aber ich WEISS: Wir sind mehr.

Es ist großartig, dass so viele Menschen auf die Straßen gehen. Und so viele, die sich in den verschiedenen Social Media äußern. Die Demokratie ist ein hart erarbeitetes Gut. Sie braucht Pflege. Und sie muss aktiv lebendig gehalten werden.



Alok Menon: nonbinare Werbung für indische Brautkleider

Trotzdem

Was mir geholfen hat, trotz der Angst zu veröffentlichen?

 Überzeugung.

 Durch meine persönliche Geschichte habe ich lange geschwiegen. Und jetzt möchte ich das nicht mehr. Es ist einfach wichtig. Alles einfach schleichend sich verändern zu lassen, konnte ich auch nicht mehr.

 

Was ich anderen sagen würde, die auch Angst haben?

 

Jeder muss seinen Weg finden. Wenn jemand Angst hat, ist das berechtigt. Jeder kann tun, was er für richtig findet.

Und klar: Wenn es sich für dich richtig anfühlt, wenn es dir wichtig ist – dann sag es. Sag es für dich. Weil du es später vielleicht bereust.

Ich weiß jetzt: Schweigen schützt mich nicht. Sprechen vielleicht auch nicht. Aber Schweigen macht mich unsichtbar. Und das will ich nicht mehr sein.

4 Kommentare

  1. Stefanie

    Liebe Dipali, vielen Dank, dass du mutig bist. Lasst uns alle sichtbar sein!

    Antworten
    • Dipali

      Ganz ganz lieben Dank Stefanie. Ja, ich finde es ist gerade wichtig sich zu zeigen.

      Antworten
  2. Paulien Roeloffzen-Fischer

    Liebe Dipali, danke dass du deine Gedanken veröffentlicht hast. Vor manchen Menschen, oder Meinungen Angst zu haben ist normal, nur, die meisten Menschen haben „ihre“ Angst alleine, sie trauen sich nicht darüber nachzudenken oder über ihre Ängste zu schreiben oder zu sprechen. Menschen die Angst haben, sind leichter zu manipulieren. Werden deshalb in vielen Medien die Ängste geschürt? Ich habe einen wichtigen Satz für mich verinnerlicht: Was ist das schlimmste was passieren kann? Und, wie wahrscheinlich ist das? Über Ängste reden hilft!
    Alles liebe, Paulien

    Antworten
    • Dipali

      Liebe Paulien, ganz lieben Dank für dein Zuspruch. Ich finde auch dass es wichtig über die Ängste zu sprechen, dadurch sind sie geteilt und werden vielleicht auch weniger. Ich fand und finde die Zwiespalt die ich gespürt habe spannend:Zwischen was ist das schlimmste was passieren kann und das diffuse, das emotionale, das körperliche die sich nicht wirklich über den Verstand beeinflussen lässt. Ich drücke dich.

      Antworten

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